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Warum sind Shibas anders als andere Hunde? Eine gen-analytische Spurensuche.

Es ist in der Genetik seit jeher eine anerkannte Tatsache, daß nicht nur das äußere Erscheinungsbild eines Lebewesens erblich bedingt ist, sondern auch seine nicht-körperlichen Eigenschaften. Vererbt werden nicht nur die Haarfarbe, Größe und Statur usw. – auch das Verhalten, das Temperament, der Charakter sind vererbbar.[1]

Dies ist beim Hund nichts anders als beim Menschen. Jeder weiß, daß sich die einzelnen Hunderassen sowohl in Hinsicht auf das Aussehen als auch bezüglich des Charakters stark unterscheiden. So gelten etwa Dalmatiner als lebhaft und folgsam, Doggen als gutmütig und sensibel und Retriever als gehorsam und pflegeleicht. Und der Shiba? In den Beschreibungen in der Literatur und in Berichten von Züchtern und Haltern findet man außer vielen liebenswürdigen Zügen immer wieder Hinweise, daß der Shiba "eigenwillig", "unabhängig", "stur", "zurückhaltend gegenüber Fremden" sei – kurzum, daß der Shiba anders ist als andere Rassen und eine "sehr konsequente Erziehung" braucht.

Ende der 90-er Jahre erforschte eine Gruppe japanischer Wissenschaftler die Verhaltensprofile von 19 Hunderassen, inklusive sechs japanischer Rassen.[2] Zu diesem Zweck wurden eine Fragebogenaktion unter Kleintier-Veterinären und Hunde-Trainern durchgeführt und aufgrund der Ergebnisse rassespezifische Profile erstellt. Für alle abgefragten Charakterzüge wurden hoch-signifikante Rassenunterschiede ermittelt. Bei den sechs japanischen Rassen ergaben sich eindeutig hohe Werte beim Komplex "Aggressivität" wie etwa Verteidigung des Territoriums, Feindschaft gegenüber anderen Hunden und Dominanz über den Hundehalter. Dagegen erreichten die japanischen Rassen niedrige Werte beim Komplex "Freundlichkeit" wie Verlangen nach Zuneigung, Lernbereitschaft im Training, Verspieltheit und Anpassungsfähigkeit an neue Besitzer – ganz im Gegensatz zu Rassen wie Labrador oder Golden Retriever.

Aus der modernen Molekularbiologie ist bekannt, daß sog. Neurotransmitter (Botenstoffe) das Verhalten bei Menschen und Tieren steuern. Neurotransmitter sind biochemische Stoffe, welche die Information von einer Nervenzelle zur anderen weitergeben. Diese Stoffe werden von Enzymen bereitgestellt, die in bestimmten Genen verankert sind. So gibt es ein Gen für die sog. Tyrosinhydroxylase (TH), das ist ein Enzym, das an der Umwandlung von Tyrosin zu Dopamin, einem wichtigen Neurotransmitter, beteiligt ist. Ein anderes Gen enthält die sog. Dopamin-Betahydroxylase (DBH), ein Enzym, das die Umwandlung von Dopamin zu Noradrenalin beschleunigt.

Wissenschaftler der Universität in Tokio haben jetzt diese beiden für das Verhalten wichtigen Gene TH und DBH bei fünf verschiedenen Hunderassen untersucht, um herauszufinden, inwieweit sich die Genstruktur an dieser Stelle unterscheidet.[3] Analysiert wurden Gen-Variationen (Allele) bei Golden Retriever, Labrador Retriever, Maltesern, Miniatur-Schnauzern und Shibas. Tatsächlich wurden signifikante genetische Unterschiede bei den fünf Rassen festgestellt, was aber nicht weiter verwunderlich ist. Bemerkenswert ist indes, daß beim Shiba zwei sog. SNPs mit der Bezeichnung C97T (TH) und A1819G (DBH) gefunden wurden, die bei den anderen Rassen überhaupt nicht vorhanden sind. Als SNP (Single Nucleotide Polymorphism, ausgesprochen "Snip") werden Variationen von einzelnen Basenpaaren in einem Gen bezeichnet.

Die Forscher in Tokio erklären sich das Vorhandensein der speziellen SNPs beim Shiba damit, daß er zu den weniger domestizierten Rassen gehört und daher eine größere genetische Vielfalt aufweist. Sie sehen in ihrem Befund eine Bestätigung einer anderen Studie, nach der der Shiba zu den ganz wenigen Hunderassen gehört, die genetisch aufs engste mit dem Wolf, dem Stammvater aller heutigen Haushunde, verwandt sind. Es paßt daher gut ins Bild, daß zwei weitere Rassen, die gleichfalls genetisch eng mit dem Wolf verwandt sind, nämlich der Basenji und der Chow Chow, meist ebenso wie der Shiba als "eigenwillig" charakterisiert werden.

Wie im einzelnen die genetische Disposition mit einem typischen Verhalten und Charakter zusammenhängt, ist nicht genau bekannt. Die Forschung steht hier erst am Anfang.[4] Warten wir also ab, ob noch weitere spezielle "Shiba-Gene" entdeckt werden.

Hinweise

[1]  John Paul Scott & John L. Fuller: Genetics and the social behavior of the dog, The University of Chicago Press 1971.

[2]  Tanabe, Y., Ogata, M., et al.: Breed difference in behavioral profiles of dogs: Quantitative analyses by veterinarians in Japan, Japanese Journal of Human Animal Relations 3 (1999), pp. 92-98 [Japanisch, Englische Zusammenfassung].

[3]  Takeuchi Y., Hashizume C., Chon E. M., Momozawa Y., Masuda K., Kikusui T., Mori Y.: Canine tyrosine hydroxylase (TH) gene and dopamine ß-hydroxylase (DBH) gene: their sequences, genetic polymorphisms, and diversities among five different dog breeds, Journal of Veterinary Medical Science 67 (2005), pp. 861-867.

[4]  Ogata N., Hashizume C., Momozawa Y., Masuda K., Kikusui T., Takeuchi Y., Mori Y.: Polymorphisms in the canine glutamate transporter-1 gene: identification and variation among five dog breeds, Journal of Veterinary Medical Science 68 (2006), pp. 157-159.
Hashizume C., Masuda K., Momozawa Y., Kikusui T., Takeuchi Y., Mori Y.: Identification of an cysteine-to-arginine substitution caused by a single nucleotide polymorphism in the canine monoamine oxidase B gene, Journal of Veterinary Medical Science 67 (2005), pp. 199-201.

© Dr. Holger Funk 2007

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